Sehr geehrter Herr Fleischer/Metzgermeister,
bekanntlich erzeugt jeder Trend auch einen Gegentrend. So steht zum Beispiel dem Fast-Food-Trend die Slow-Food-Bewegung gegenüber. Und der Globalisierungs-Trend konkurriert mit dem Regional-Trend.
Eine beachtliche Vielzahl unter den Fleischer/Metzgermeistern Deutschlands und vielleicht auch Sie haben seit jeher gute Erfahrungen mit eigenen, handwerklich hergestellten Wurstwaren gesammelt, die dem o. e. Regional-Trend entsprechen. Die betreffenden Produkte sind für die jeweilige Region typisch und werden somit auch als regional-typische Erzeugnisse erfolgreich vermarktet
Der Begriff „regional“ wird hierbei vom Verbraucher als Qualitäts-, Herkunfts- und/oder Geschmacksmerkmal verstanden.
Als Inhaber/In einer derartig aufgestellten bzw. kunden-orientierten Fleischerei kennen Sie in aller Regel die Herkunft Ihres Fleisches, können über die – gegebenenfalls relativ kurzen – Tiertransportwege Auskunft geben, pflegen und hüten Ihre regionalen Familienrezepte und kennen die entsprechende Erwartungshaltung Ihrer (Stamm-)Kunden. Mit anderen Worten: Sie können mit Ihrem Verkaufs-Hinweis auf die „Regionalität“ Ihrer Produkte beim Endverbraucher punkten.
Jedoch:
Der Begriff „Region“ oder „regionales Gebiet“ ist gesetzlich nicht definiert. Man kann den Begriff Region somit offensichtlich unterschiedlich weit auslegen oder gar verwässern. Zwar wird auch eine Supermarkt-Kette wohl nur schwer auf die Idee kommen, ein in Hamburg hergestelltes Produkt in Oberbayern als „regional“ oder „aus der Region“ zu verkaufen, jedoch könnte man sicherlich die gesetzlich zulässigen (Auslegungs-)Grenzen des Regionalitäts-Begriffs im eigenen Interesse möglichst weit fassen.
Mehr noch: Zudem haben einzelne Supermarkt-Ketten die Verkauf fördernde Wirkung eines Verpackungs-Aufdrucks wie „Aus der Region“ oder „Aus Regional-Einkauf“ erkannt und stoßen mit einem entsprechend gekennzeichneten Angebot in einen Bereich vor, der bisher die Domäne entsprechend aufgestellter Fleischereien/Metzgereien und vielleicht auch der Ihren war.
Es entsteht somit die Frage, wie Sie sich weiterhin überzeugend und deutlich gegenüber einem derartig gekennzeichneten Supermarkt-Angebot abgrenzen können.
Dazu folgende Überlegung:
Das Geschäftsmodell „Supermarkt“ erfordert in aller Regel aufgrund seines Konzeptes und seiner (Kosten-)Struktur, den „Regional“-Begriff und folglich den „Regional“-Raum relativ weit zu fassen, um die erst dadurch ermöglichten „Regional“-Mengen (zumindest) kostendeckend herstellen und anbieten zu können. Im Unterschied dazu könnte es Ihnen aufgrund Ihrer mittelständisch-familiären Struktur und handwerklichen Fertigung schon bei wesentlich kleineren Chargen gelingen, kostendeckend zu produzieren.
Folglich wären insbesondere zwei Faktoren gegeneinander abzuwägen: Ihre Reichweite und Ihre Kostendegression. D. h. Sie könnten einerseits die Definition Ihres Lokal- oder Regionalraums so eng wie nötig fassen, um sich definitiv und deutlich gegen die Supermärkte abzugrenzen. Sie sollten aber andererseits Ihren Regionalraum so groß wie möglich definieren, um einer genügend großen Vielzahl Ihrer regional-patriotischen Kundinnen und Kunden zu ermöglichen, sich mit dem von Ihnen definierten Regional-Begriff zu identifizieren und Ihnen auskömmliche Chargen in der Produktion zu ermöglichen.
Ich grüße Sie herzlich
Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt (Blog-Moderator)
Schlagwörter: Fleischerblog, Globalisierung, Metzgerblog, Region, Regional-Trend, Regionalität, Reichweite
November 20, 2009 um 4:55 pm |
Diese Woche habe ich wieder eine Aktion mit der “Diepholzer Moorschnucke” Die jungen Lämmer stammen aus der Region um den Dümmer und haben für uns und für unsere Kunden eine sehr regionale Bedeutung. Die Lammfleischspezialitäten bewerben wir mit der der Überschrift: “Ungemütliches Herbstwetter…brennender Kamin…feiner Rotwein…zartes Lammfleisch aus der Region!” Bin mal gespannt, wie die Aktion diese Woche läuft.
November 20, 2009 um 5:27 pm |
Hallo Herr Freese,
hier schlagen Sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe:
Regionaler Bezug der Lämmer; Folge: kurzer Transportweg und Schonung der Umwelt, da Minimierung des CO2-Ausstoßes. Fachmännische Zerlegung. Reputation eines “g.U”-Produktes, also eines Produktes mit einer geschützten Ursprungsbezeichnung.
November 24, 2009 um 8:16 pm |
Der Bericht zum Thema “Verwässerung des Regionalbegriffs” hat mich stark angesprochen. Auch ich sehe hier die größte Chance für die handwerkliche Produktion und entscheidene Wettbewerbsvorteile auf Seiten der Fachgeschäfte.
Außerdem denke ich, dass der Verbraucher hier viel schwerer von einem Supermarkt anzusprechen ist als vom regionalen Fachgeschäft im Ort. Immer wenn es über den Preis hinaus geht hat der Handel Schwierigkeiten dies zu kommunizieren. Die Bemühungen mit den Vorzügen des Fachgeschäftes zu werben werden noch sehr halbherzig unternommen und wenn nicht, werden Sie vom Personal kaum umgesetzt. Eine regionale Verkaufsstrategie ist für das Fachgeschäft viel leichter umzusetzen, da es dies schon seit 100 Jahren tut. Wir sollten uns nicht vom Handel zu sehr in das Bockshorn jagen lassen. Schließlich geben wir in diesem Fall den Trend vor, der Handel folgt erstmals uns. Eine gut geführte Fleischerei mit Ideen und langjähriger Vertrauensbasis im Ort macht es nach wie vor jeder Supermarkttheke schwer, aber leider nicht immer unmöglich. Der Kunde, der billig will ist bereits vor 20 Jahren verloren gegangen, eine größere Supermarktdichte wird hier nur noch unter den Märkten gespürt. Vielmehr macht mir Angst, dass der erlebnisorientierte Kunde verloren geht. Enorme finanzielle Mittel für Ladenbau und Serviceangebote werden Kunden zukünftig noch stärker locken. Auch der Handel spürt jetzt, dass beim Wettbewerb um die Preisführerschaft am Ende nur einer überleben wird. Bei EDEKA sieht man teilweise schon Conceptstores die, die Frage aufwerfen ob das alteingesessene Fachgeschäft überhaupt noch eine Berechtigung am Markt hat!
Ich habe diese Frage für mich persönlich mit ja beantwortet. Wie Sie sagten hat jeder Trend einen Gegentrend, so hat auch der Trend in die Konsumtempel den Trend der Rückbesinnung ausgelöst. Wer in der Lage ist ständig auf höchstem Niveau immer wieder neues an Ideen und Produkten zum Kunden zu bringen wird mit seinem Fachgeschäft auch zukünftig überleben. Das gleiche gilt übrigens auch für die Einzelhandels-Ketten.
Wichtig ist die Produkte nicht zu verramschen, sondern auf Fachgeschäftsniveau zu verkaufen, lieber etwas mehr und dafür ohne Kompromisse. Oft finde ich bei Kollegen schlechte Qualität ohne Frische, zu Preisen die weder Fachgeschäftsniveau haben, noch besonders super-billig sind. In diesem Niemandsland wird kein Betrieb überleben.
Regionale, ja vielleicht sogar lokale Spezialitäten werden/sind der Trend im Fachgeschäft. Vieles wird einfach gemacht ohne die Spezialität darin zu sehen. Das Bewusstsein für die eigenen Spezialitäten muss sich der einzelne Betrieb aneignen. Weniger Billy- Wurst und Bärchenstreich sondern stattdessen die eigenen Produkte kreativ mit regionalem Einschlag abändern. Warum nicht bei den Konzernen Ideen aufgreifen? Ich biete schon seit einiger Zeit erfolgreich Streichmettwurst im Becher an. Klar- erfunden hat es die Industrie aber mit Deister-Bärlauch verfeinert und als Calenberger Schlemmertöpfchen deklariert ist auch dies eine regionale Spezialität. Die Produkte sind schon da, niemand von uns muss sich “verrenken”. Niemand braucht Angst vor durchschnittlichen Supermärkten haben, es sei denn ich bin selber Durchschnitt. Wir können bereits in kleinen Mengen kostendeckend Arbeiten und hier auch noch Variationen ins Spiel bringen. Jeder Markt wird an einem solchen Kollegen im Ort schwer zu knabbern haben.
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November 25, 2009 um 11:59 am |
Hallo Herr Scheller,
Ihr Kommentar ist eine hervorragende Ergänzung meiner Überlegungen,- und das umso mehr, als Ihre Produkt-Innovationen und -Varietäten von Ihnen nicht nur angedacht sondern sich offensichtlich in Ihrer Region auch schon bewährt haben.