Das Online-Blog-Interview mit Fleischermeister Andreas Duffe und Frau Helga aus der Fleischerei Gellert

By Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt

Blog-Moderator Hans-Jürgen Schmidt

Am 01. 01. 2000 übernahmen Sie, Herr Andreas Duffe und Frau Helga Duffe die Fleischerei Gellert. Das Unternehmen besteht seit 1750 und davon nunmehr bereits über 50 Jahre in D 27232 Sulingen. Jetzt, in der achten! Generation umschließt das Unternehmen neben der Fleischerei auch die Geschäftsbereiche Party-Service, Party-Halle, Fleischergrill und Essen auf Rädern. Jüngst haben Sie zudem das Catering für das Museums-Café am Stadtsee, Kurze Heide 19, 27232 Sulingen übernommen. Sie beschäftigen durchschnittlich zehn MitarbeiterInnen.

Ihre „Gekochte Schinkenwurst im Ring“ wurde hier auf Fleischer/Metzger-Blog am 8. Mai dieses Jahres unter www.fleischerblog.de/blog in der Reihe „Fleischermeisters Spitzenprodukt“ besonders gewürdigt.

 

Wie Sie mir bei meinem jüngsten Besuch in Ihrem Hause mitteilten, haben Sie in den letzten Monaten strukturelle Veränderungen in Ihrem Unternehmen vorgenommen. Freundlicherweise haben Sie sich bereit erklärt, hier auf Fleischer/Metzger-Blog Ihren Kolleginnen und Kollegen mitzuteilen, welche Erfahrungen Sie mit diesen Maßnahmen zwischenzeitlich gemacht haben.

 

Sie sind einer der wenigen Fleischerei-Betriebe Deutschlands, die ihr Produkt-Angebot ganz offensichtlich nach Kundenwünschen ausrichten, indem Sie „gruppen-individuelle“ Angebote machen. Sie unterteilen hierzu vornehmlich nach Fertig-Gerichten, Wellness und regionalen Delikatessen. Die betreffenden Segmente kennzeichnen Sie für die jeweilige Kundengruppe deutlich auf einer Blende in Ihrem Ladengeschäft.

Frage:

Wie wird ein solch differenzierendes Angebot von der Kundschaft angenommen? Welche „Kommentare“ hören Sie hierzu?

 

Antwort Helga Duffe:

Meines Erachtens ergeben sich hier gleich mehrere Vorteile. Zum einen findet sich auch der Erstbesucher sofort zurecht. Er ordnet sich auch bei einem gut besuchten Ladengeschäft von Anfang an richtig ein. Hierdurch haben wir in der Bedienung den Vorteil, richtig einschätzen zu können, was der jeweilige Kunde vornehmlich von uns erwartet. Qualität, Sicherheit und ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis werden dabei natürlich generell als selbstverständlich vorausgesetzt.

 

So haben wir für den Liebhaber von Fertig-Gerichten ein entsprechendes Regal mit der Beschriftung „Gellerts Fertiggerichte“ frei zugänglich an einer Breitseite des Geschäftes eingerichtet. Diese Kundengruppe sucht sich ihre Gerichte gern selber aus. Eine deutliche Kennzeichnung der Produkt-Varianten auf den Dosen und Regal-Schildern erleichtert ihr die Orientierung. Da diese Kundschaft kaum Beratung erwartet, hat sich als Folge dieser zielgruppen-gerichteten Produkt-Differenzierung nahezu automatisch eine erste Selbstbedienungs-Abteilung innerhalb unseres Ladengeschäftes herausgebildet. Folge: Verkaufspersonal wird für umso intensivere Betreuung anderer Kundengruppen frei.

 

Genießer regionaler Delikatessen hingegen schätzen an der Bedientheke neben einer angemessenen Beratung vielfach auch ein kleines Gespräch über Schönheiten oder Besonderheiten unserer Region, um sich als „Regionalist“ einzuordnen.

Der Wellness-Liebhaber mit seinem Kernwunsch, gesund möglichst alt zu werden, erwartet qualifizierte Fachberatung. Unser Verkaufs-Personal kann sich somit von vornherein auf das entsprechende „Wünsche-Spektrum“ der betreffenden Kundengruppe einstellen.

 

Weitere Folge: Schon durch die Angebots-Ausrichtung auf diese drei wichtigen Kundengruppen werden die Kundenströme deutlich entzerrt. Es herrscht seitdem meines Erachtens in unserem Ladengeschäft eine ausgesprochen entspannte Atmosphäre, was mir vielfach auch von der Kundschaft und von unserem Verkaufspersonal bestätigt worden ist.

 

 

 

 

 

Blog-Moderator

Die soeben skizzierte Umstrukturierung Ihres Ladengeschäftes nach (Teil-)Zielgruppen ist ja nun schon vor einiger Zeit eingeleitet und vor wenigen Wochen vollendet worden.

 

Frage:

Haben Sie seither in irgendeinem Sektor eine besonders signifikante Zunahme der Umsätze feststellen können?

Helga Duffe

Überdurchschnittliche Zuwächse haben wir bei unseren Konserven und im Bereich regionaler Spezialitäten feststellen können.

Bei letzterem hat sich vornehmlich die Nachfrage nach regionalem Lammfleisch deutlich erhöht. Zudem haben sich saisonal-regionale „Produkt-Kombinationen“ durchgesetzt wie zum Beispiel zur Zeit Kohl und Pinkel oder Knipp und Beutelwurst.

 

 

 

 

 

Blog-Moderator

Ihr Kollege Marco Haag in Trier-Ruwer hat den Convenience-Bereich (Wurst in Gläsern, Fleisch in Dosen) exponiert im Angebot. Zudem hat er im Laufe der Zeit die Anzahl unterschiedlicher Sorten und Gerichte kontinuierlich aufgestockt. Mit dem Ergebnis: Je größer die Anzahl an Varietäten wurde, um so mehr seiner Kunden wurden zu „Intensiv-Verwendern“, die mindestens zweimal pro Woche bei ihm einkauften.

 

Frage:

Könnten Sie Ihren Kollegen erläutern, ob Sie derzeit eine ähnliche Erfahrung machen?

 

Helga Duffe

Ich kann die Feststellungen des Kollegen in vollem Umfang bestätigen. Sobald wir mit unseren Konserven eine gewisse Vielzahl an Varietäten überschritten hatten, vergrößerte sich unsere Reichweite durch Mund-zu-Mund-Propaganda schlagartig. So konnten wir wiederholt auch Kunden aus dem Raume Minden begrüßen, der immerhin etwa 80 Kilometer von uns entfernt liegt. Man kam fortan somit auch „der großen Auswahl“ wegen.

 

Blog-Moderator

Sie haben als eine der wenigen Fleischereien Deutschlands eine „Wohlfühl-Ecke“ für eine ganz besondere Zielgruppe eingerichtet, nämlich KINDER. Hierzu haben Sie einfach den durch die oben erwähnten Umstrukturierungsmaßnahmen frei werdenden Platz in Ihrem Ladengeschäft genutzt, eine „Kiddy-Ecke“ einzurichten.

 

Frage:

Was sollte Ihrer Meinung nach im „Angebot“ für die Vier- bis Achtjährigen auf keinen Fall fehlen?

 

Helga Duffe

Die „Kiddy-Ecke“ ist nicht mehr weg zu denken. Ganz oben steht in der Wunschliste der Kinder ein Angebot fürs Malen mit Papier und Buntstiften. Ferner ist insbesondere eine neuartige „Zaubertafel“ heiß begehrt.

 

 

 

Blog-Moderator

Sie leiten gemeinsam mit Ihrem Mann Andreas das Unternehmen erfolgreich in der achten Generation. Sie pflegen kulinarische Traditionen, lieben das Handwerk und Ihre Region. – Wie schon erwähnt, sind regionale Spezialitäten auch bei Ihnen ein bedeutendes Geschäftsfeld.

Frage:

Welche Ansprüche stellt die entsprechende Zielgruppe an „Regionales“?

Legt man Wert auf „Premium-Produkte“?

Bevorzugt man Produkte mit Provenienz-Nachweis wie zum Beispiel über g.g.A. (geographisch geschützte Angabe) oder gar Erzeugnisse, die durch eine g.U. (geschützte Ursprungsbezeichnung) gekennzeichnet sind.?

 

Helga Duffe

Unser handwerkliches Know-How ermöglicht uns, regionale Spezialitäten in Top-Qualität mit gediegener Würzung und besonderem Geschmack herzustellen.

Bei Lammfleisch haben wir gar eine Sonder-Entwicklung ausmachen können. Als wir vor einiger Zeit die „Diepholzer Moorschnucke“ – ein “g. U.”-geschütztes Erzeugnis - in unser Programm aufgenommen haben, verdrängte dieses Fleisch trotz höheren Preises binnen kurzem das Standard-Lammfleisch. Die besondere Wertschätzung zeigt sich auch an folgendem: Wenn bei der Diepholzer Moorschnucke zum Beispiel der Rücken ausverkauft ist, brauchen wir den Kunden nicht lange zu überreden, statt dessen Nacken oder Schulter der Diepholzer Moorschnucke zu erwerben.

 

Blog-Moderator

Als Party-Service-Betrieb mit angeschlossenem Party-Saal haben Sie eine große Reichweite. Nicht nur Haushalte sondern vor allem auch viele Betriebe der Region nutzen Ihr entsprechendes Angebot.

 

Frage:

Welche neuen Ansprüche der Zielgruppe „Betriebe“ sind in letzter Zeit besonders deutlich geworden?

 

Helga Duffe

Grundvoraussetzungen sind natürlich auch im Party-Service-Bereich Qualität, Zuverlässigkeit und ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis. Und: Unabhängig davon, ob wir den Party-Service beim Kunden oder in unserem Party-Service-Saal durchführen, darf ein Angebot nicht fehlen: Der (Groß-)Kunde erwartet qualifiziertes Personal vor Ort, das für Dienstleistungen und Betreuung bzw. Beratung zur Verfügung steht.

 

Auch beim Catering konnten wir zulegen, da wir über unsere Party-Service-Zielgruppe weiter empfohlen werden.

 

 

 

 

 

Blog-Moderator

Stichwort: Saisonale Aktionen

Das Wünsche-Spektrum Ihrer Kundengruppen ist vielschichtig. Der Kunde erwartet von einer Fleischerei ein anderes Angebot als im Supermarkt oder beim Discounter. Ihr Kunde ist nämlich der „anspruchsvolle Verbraucher“. Ein Aspekt aus dessen Wünschespektrum ist die Forderung nach Frische und nach (Sonder-)Aktionen.

 

Frage:

Gibt es in Ihrem Ladengeschäft einen Sektor, der insbesondere auf die entsprechende Wunsch-Erfüllung abgestimmt ist?

 

Helga Duffe

Wir passen wir uns mit unserem Angebot gern den Jahreszeiten an. Besonders erfolgreich sind wir dabei mit saisonal-regionalen Produkt-Kombinationen wie zum Beispiel zur Zeit mit Kohl und Pinkel. Im Frühling kombinieren wir erfolgreich Schinken und Schnitzel mit regionalem Spargel. In allen diesen Fällen ist Frische unser oberstes Gebot.

 

Erstaunlich jedoch:

Wochentäglich wechselnde Angebote werden von unserer Kundschaft nur bedingt angenommen. Eine schlüssige Erklärung haben wir dafür nicht. Wir vermuten jedoch: Unsere Kundschaft ist es seit jeher gewohnt, stets das vollständige Sortiment an Produkten und Dienstleistungs-Angeboten vorzufinden. Die einzige Ausnahme bildet hier der Fleischkäse, den wir sehr erfolgreich immer montags und donnerstags vorhalten.

 

 

 

 

 

 

Blog-Moderator

Stichwort: Klimawandel, Klimaschutz

Sie liegen mit Ihrem Betrieb in Niedersachsen am Rande eines Gebietes, das auch als niedersächsischer Schweinegürtel bezeichnet wird. Zudem grenzen Sie unmittelbar an den Naturraum Diepholzer Moorniederung, in dem die von Ihnen vermarktete „Diepholzer Moorschnucke“ gezüchtet wird. Die Orte für Zucht und Vermarktung liegen somit jeweils nah beieinander. Folglich sind die Transportwege kurz und der CO2-Ausstoß ist entsprechend gering. Man kann deshalb wohl ruhigen Gewissens behaupten: Fleischerei Gellert und Ihre Kundschaft leisten einen bemerkenswerten Beitrag zum Klimaschutz.

 

Frage:

Haben Sie diesen besonderen Klimaschutz-Beitrag Ihrer Kundschaft schon vermitteln können?

Und – falls ja: Gibt es bereits Kunden/Kundinnen, die beim Einkauf auf entsprechend deklarierte Produkte achten?

Helga Duffe

Wir beziehen unser Schweinefleisch von der Fortius in Europe GmbH aus Wagenfeld. Die Diepholzer Moorschnucke kaufen wir bei Schäfermeister Matthias Dreyer vom Ulenhof, einer von drei lizenzierten Schäfereien, die die Arbeitsgemeinschaft Diepholzer Moorschnucke bilden. Beide Orte sind jeweils weniger als 30 Kilometer von Sulingen entfernt.

Wie die Leser von Fleischer/Metzgerblog sicherlich wissen, steht hier im Blog ein „Klima-Etikett“ zum kostenlosen Download bereit. Das „Etikett“ kann offensichtlich jeder verantwortungsbewusste Fleischermeister in eigener Verantwortung zur gesonderten Kennzeichnung solcher Produkte verwenden, deren Herkunftsradius überwiegend weniger als 50 Kilometer beträgt. Wie Sie schon richtig erläutert haben, erfüllen viele regionale Produkte bei uns diese Voraussetzungen und werden seit kurzem entsprechend gekennzeichnet. Die „Diepholzer Moorschnucken-Ecke“ in unserem Ladengeschäft erhält zudem durch ein großes Foto von „Schäfermeister Matthias Dreyer mit Moorschnucken-Herde“ regelrecht Kultstatus.

 

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Foto: “Moorschnucken-Herde Naturraum Diepholzer Moorniederung“

Bildquelle: Arbeitsgemeinschaft Diepholzer Moorschnucke, mit freundlicher Veröffentlichungsfreigabe durch Schäfermeister Mathias Dreyer

 

 

Alles das zusammen schafft Vertrauen. Kunden mit Regionalstolz, Kunden mit Umweltbewusstsein beachten das Etikett. Sie können sich durch Kauf entsprechend gekennzeichneter Produkte als „Regionalist“ oder „Umwelt-Schützer“ outen. Sie genießen unseren Respekt und spüren das.

 

 

 

 

 

 

Blog-Moderator

Ihr Unternehmen ist breit aufgestellt. Fleischerei, Party-Service mit anmietbarem Saal, Catering, Essen auf Rädern. Sie haben die Angebots-Ausrichtung auf Teil-Zielgruppen verinnerlicht und fahren konsequenterweise die entsprechenden Erfolge ein. Bestmögliche Kundenwunsch-Erfüllung hat bei Ihnen Priorität.

 

Frage:

Wohin geht die Tendenz? Wo werden Sie in Zukunft die Schwerpunkte setzen? Spüren Sie Preisdruck?

 

Helga Duffe

Wie Sie schon richtig darstellen, haben wir große Teile unseres Angebots auf bedeutende Kundengruppen ausgerichtet. Das erleichtert uns, neue Kundenwünsche aufzuspüren oder gar frühzeitig Trends zu erkennen. Vornehmlich die (Rück-)Besinnung der Kundschaft auf regionale oder gar lokale Spezialitäten ermöglicht, uns insbesondere von Supermärkten und Discountern zu unterscheiden, zumal wir als handwerklich strukturierter Betrieb Regionales auch als Convenience- oder Wellnessprodukt offerieren. Da unsere Produkte somit faktisch „unvergleichlich“ sind, weiß insbesondere der „anspruchsvolle Verbraucher“ unsere Anstrengungen zu würdigen. Wir schauen optimistisch in die Zukunft, denn Qualität ist wieder gefragt.

 

 

 

 

 

Blog-Moderator

Frau Duffe, ich danke Ihnen im Namen der Fleischerbranche für diese anschaulichen und nachvollziehbaren Erfolgs-Beispiele.

Herzliche Grüße nach Sulingen

Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt (Blog-Moderator)

Auffällige Erfolgs-Faktoren:

Verkaufsfördernde Positionierung “gruppen-individueller” Angebote in den Sektoren Fertiggerichte, Wellness und Regionale-Produkte für die jeweiligen Teil-Zielgruppen

Das konsequente Nutzen der offensichtlichen Stärke eines “g.U”-geschützten Erzeugnisses

Intensivierung der qualifizierten Fachberatung für Wellness-Kunden


Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt (Blog-Moderator)

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Eine Antwort zu “Das Online-Blog-Interview mit Fleischermeister Andreas Duffe und Frau Helga aus der Fleischerei Gellert”

  1. Ludger Freese sagt:

    Hallo Frau Duffe,
    Moin Herr Schmidt,
    Ihr Interview ist mal wieder in bekannter Form eine sehr lesenswerte Sache. Ich kenne den Betrieb Gellert von einem Besuch, der ca. 25 Jahre zurück liegt. Die Antworten von Frau Duffe haben mich sehr neugierig gemacht, so dass ich die Kollegen bald einmal besuchen muss. (ich melde mich vorher an – logisch :-) )

    Die Moorschnucke bieten wir auch an. Ich erkenne die Kunden schon beim betreten des Geschäftes: “Achtung, neue Kunden! Moorschnucke ist gefragt.” Mit dem besonderen Fleisch kann man punkten.

    Herzliche Grüße nach Sulingen:
    Ludger Freese

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